Übergabeschema DELIVER

Vor kurzem wurden die Camillo-Awards 2025 vergeben, dabei bin ich auf den Preis “Innovation” gestoßen:

Standardisiertes Übergabeschema

Berufsrettung Wien

Stefan Schrammel entwickelte das standardisierte Übergabeschema DELIVER.
Es sorgt für eine sichere, vollständige und strukturierte Patientenübergabe im Krankenhaus erleichtert die Kommunikation und erhöht damit die Patientensicherheit erheblich.
Die Anwendung ist praxisnah, klar strukturiert und mittlerweile fest im System verankert.

(https://www.bvrd.at/camillo-award/camillo-award-2025/)

Ich fahr - nicht bei der MA70 - jetzt schon ein paar Tage in Wien, aber das Akronym kenn ich noch nicht - hat wer Infos dazu?

Ich kann, nachdem ich im Intranet länger gesucht habe berichten dass es dafür steht:

D - Daten // Patientenname + Alter Berufungsort/Umstände

E - Ereignis // Zeitpunkt Ereignis, Situation am Berufungsort, initialer Patientenzustand

L - Leitsymptom // Auffälligkeiten in XABCDE, OPỌRST, APSS Anamnese/Symptome. Hauptdiagnose, initiale Vitalzeichen

I - Intervention // Maßnahmen, Therapie, Beatmungsform

V - Vitalfunktion // Vitalparameter, aktueller Status

E - Ergänzende Infos //SAMPLER, Infektionsstatus (AVISO: Transportart, Transportbegleitung, Eintreffzeit)

R - Rückfragen //Fragen, Readback

Außer dass es diese Taschenkarte gibt kann ich leider nicht viel dazu sagen, was die Nutzung angeht. Bin ja selber eher im DGINA geprägten SINNHAFT Gebiet…

Die wichtigste Message ist jedoch finde ich gut hier zusammengefasst: xkcd: Standards

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Danke!

Und wie so oft - auch hier - trifft der passende XKCD-Cartoon den Nagel auf den Kopf …

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Ja genau das…

Theoretisch laut SOP so auszuführen, sowohl für AVISOs via Leitstelle und auch bei der Übergabe genauso anzuwenden.

Realitätsnahe - ja in weiten Teilen durchaus realistischer als manch andere Schemen die kursieren, da gerade bei L wenigstens eine Beschränkung auf Auffälligkeiten besteht.

Trotzdem, wenn ich das beim 0815 Aviso via Leitstelle oder auf der Triage in einem Krankenhaus alles vollumfänglich runterbete hört mir spätestens bei L kein Disponent und keine Pflegekraft mehr zu.

Bei einem Patienten auf einer Spezialabteilung - Überwachung/Intensiv/Schockraum/etc. ist es wohl nutzbar, sonst - naja…

Aber es ist eine SOP - und wird natüüürlich vollumfänglich von allen umgesetzt. :face_with_raised_eyebrow:

Mir wurde von einem Pfleger der örtlichen Notaufnahme gesagt, dass sie bei Stabilen und ansprechbaren Patienten das Hauptproblem in zwei Sätzen beschrieben haben wollen. Wenn du da mit SINNHAFT, DELIVER, etc. anfängst wirst du nach spätestens 5 Sekunden unterbrochen weil der nächste triagiert werden muss.

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Hallo zusammen!

Ich bin zufällig auf dieses Forum und den Beitrag gestoßen und wollte EUCH Infos aus erster Hand geben (da sich, wenn möglich, DELIVER ja verbreiten soll).

DELIVER, wie schon vorher beschrieben beinhaltet:

Ausgefüllte Einsatzdoku nach SOP

Vorbereitung der mündlichen Übergabe

auf Ruhe am Übergabeort achten/fordern

Übernahmebereitschaft der übernehmenden Person abwarten/erfragen

mündliche Übergabe nach Protokoll

D- Daten

Patientenname / Geschlecht + Alter

Berufungsort / Umstände

E- Ereignis

Zeitpunkt Ereignis, Situation am Berufungsort, initialer Patientenzustand

L- Leitsymptom

Auffälligkeiten in XABCDE, OPQRST, APSS

Anamnese / Symptome.

Hauptdiagnose, initiale Vitalzeichen

I-Intervention

Maßnahmen, Therapie, Beatmungsform

V- Vitalfunktion

Vitalparameter, aktueller Status

E- Ergänzende Infos

SAMPLER, Infektionsstatus

(AVISO: Transportart, Transportbegleitung, Eintreffzeit)

R- Rückfragen

Fragen, Readback

Danach erfolgt die Umlagerung!

DELIVER soll vor allem ein leicht zu merkendes Akronym sein (von jeder Ausbildungsklasse/stand anwendbar) und als Leitfaden für eine strukturierte Übergabe zur Verfügung stehen.

Bisherige Übergabeprotokolle sind meines Wissens nach immer für bestimmte Gruppen/Bereiche abgestimmt und das Akronym nicht so leicht zu merken bzw gilt dies für den Inhalt der Buchstaben.

Natürlich sind die bereits existierenden Protokolle auch gut.

DELIVER soll für jede Situation und bei jeder erkrankten/verletzen, Sekundärtransporten und aviso-pflichtigen Person angewendet werden können.

Auch innerklinisch wäre es angedacht.

Also universell einsetzbar.

Bei AVISO‘s oder Schockraumübergaben gilt natürlich grob gesagt: „In der Kürze liegt die Würze!“

Es ist so gedacht, dass man bei diesen Personen nur das wichtigste sagt.

Hier ein fiktives Beispiel:

RTW: Es wird ein Schockraum mit Thoraxchirurgie benötigt.

D:

Weiblich, ca. 30 Jahre alt, vom 4. Bezirk.

E:

Messerattacke vor 10 Minuten mit einer ca. 7 cm langen Klinge, Patientin initial

bei Bewusstsein.

L:

Hämatothorax mit multiplen Stichverletzungen im Rückenbereich. Initial hoher Blutverlust und Atemnot.

I:

Therapie mittels Chestseals und Bülaudrainage. Tranexamsäure und Infusionstherapie verabreicht und laufend. Die Patientin wird gerade endotrachial intubiert und beatmet.

V:

Patientin ist respiratorisch und hämodynamisch instabil. Blutdruck 80 systolisch.

E:

Achtung HIV ist bekannt. Allergien konnten keine erhoben werden. Es wäre ein

luftgebundener Transport mittels eingetroffenen NA Hubschrauber angedacht. Die Patientin ist um 10:15 Uhr (5 Minuten) transportbereit.

R:

Welche Fragen darf ich noch beantworten?

Bei jeder anderen nicht zeitkritischen Übergabe sollte dies ausführlicher geschehen, da WIR dir ersten vor Ort sind und Informationen haben, welche ganz bestimmt verloren gehen können.

Die Wiener Rettungsleitstelle wurde ebenfalls geschult, hat dieses Werkzeug zur Verfügung und kann bei bedarf auch Fragen des Übergabeprotokolls selbst stellen.

Nun ist es so, dass wir in Wien die Triagesysteme/Erstaufnahmen der Kliniken sensibilisieren, einer vollständigen Übergabe auch bis zum Schluss zu zuhören (im AVISO und Schockraum-Setting funktioniert dies bereits).

Aller Anfang ist schwer, jedoch geht es vor allem um Patient*innensicherheit und das vermindern weiteren Behandlungsfehler (ganz grobes banales Beispiel: Demente Person, Allergien auf NSAR, Allergien werden nicht genannt - allergischer Schock ist die Folge)

Bei interhospital Transporten mit intensivpflichtigen Patient*innen konnten wir bisher sogar sehr gute Erfahrungen machen. DEL beinhaltet hier klinische Details und IVER den Transport.

Ich danke EUCH, dass DELIVER jetzt schon diskutiert wird und vielleicht sogar bei einigen zu einem nützlichem Werkzeug wird!

LG Stefan

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Danke - großartig. Kannst du mir ein “ganz normales” Beispiel geben? Ich tu mir schwer, Ereignis und Leitsymptom auseinander zu halten im Sinne von, wann erzähl ich was. Mach das mal bitte mit Bauchschmerzen seit ca. 8 Stunden. Das wäre nett!

Das klingt natürlich alles schlüssig und gut..

Das ist jetzt echt nicht despektierlich gemeint, dein Schema wirkt gut und flottes Merkwort, aber ich sehe da zb keinen Unterschied zu ISBAR/ISOBAR zb (ich finde dass das auch bei Trauma funktioniert)

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Sehr gerne!

Bitte auch beachten, dass bei einer mündlichen Übergabe jeder einzelner Buchstabe mit dem gesagten verschmelzen kann.

Bei internistisch/chirurgischen Personen:

D- Herr Schuhmann von Zuhause aus der Wohnung im 4. Bezirk.

E- Der Patient wurde am Boden- in Seitenlage liegend, mit Schmerzen aber bei Bewusstsein und ansprechbar angetroffen.

L: Er klagt seit 8 Stunden über zunehmende, plötzlich auftretende stechende Bauchschmerzen,…

Bei traumatologischen Personen:

D- Frau Hermann, 40 Jahre aus der Kletterhalle im 5. Bezirk.

D/E-Die Patientin stürzte vor einer halben Stunde aus ca. 3 Meter mit dem Rücken auf den Boden.

E- Sie wurde am Rücken liegend wach und orientiert angetroffen, war beim Eintreffen nicht bewusstlos, hat augenscheinlich nicht erbrochen,…

Ich hoffe die Beispiele helfen beim Verständnis.

LG

Stefan

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ISOBAR, ATMIST und PAR-AVISO wurden bei DELIVER fusioniert, dass alle Bereiche, wie oben genannt, abgedeckt werden können.

Es war natürlich nie Sinn und Zweck „das Rad neu zu erfinden“.

Es gibt eine zusammenfassende Ähnlichkeit mit den bereits verfügbaren Schemata, jedoch ist DELIVER „aufgeräumt“, in einer chonologisch/logischen Reihenfolge und mit dem Akronym „liefern“ gibt es mehr Bezug und Merkbarkeit vor allem zum Inhalt der Buchstaben.

In Zeiten des Buchstabendschungels musste etwas noch einfacheres für jeden her, da vor allem bei Übergaben (Schnittstelle Klinik) eine Verbesserung notwendig ist.

Vielen Dank für DEINE konstruktive Kritik

LG

Stefan

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Also ein weiteres Schema das zusammenfasst was man sowieso im Sanikurs lernt, juhu.
Dafür gibts dann sogar einen Award, nicht schlecht.

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Ich finde das Schema gut, da wirklich einfach zu merken und alles umfasst. Die Polemik finde ich überflüssig. Folgt man deiner Logik, müsste man sagen: ABCDE wozu? Wir haben ja eh alles im Sanikurs gelernt. Und mit den „Hamma immer schon so gemacht“-Argumenten sollte man generell vorsichtig sein, da sie schlicht keine Argumente sind.

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Die Frage ist halt, wie viele Buchstaben-Merkhilfen braucht man noch um vernünftig arbeiten zu können. Bei gewissen Themen ist es vielleicht ganz nett, eine Merkhilfe zu haben, aber allein die Anzahl an obsoltenen Kürzel ist halt lächerlich. Allein was die Übergabe betrifft gibt es ja schon mehrere, geschweigen denn in allen anderen Bereichen… Es wirkt halt so, als hätte jeder zweite MSc-Student sich vorgenommen in seiner Masterarbeit ein neues Akronym zu entwerfen. Mit der Zeit muss ich da eigentlich nur noch schmunzeln. Wer wendet das so überhaupt in der Praxis an? Viele von denen sind ja nichtmal praxistauglich. Abgesehen davon dass die ursprüngliche Form ja oft verändert wird indem regelmäßig Buchstaben/Ergänzungen zukommen (ABCDE, MONA, FAST,…).

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Ich glaube DELIVER ist ein Versuch eben genau deswegen was anderes zu probieren?

Grundsätzlich glaube ich auch nicht unbedingt, dass es noch eines mehr braucht.
Den Standardpatienten übergebe ich meist ohne Schema weil der eh reden kann und ich fokusiere auf Dinge welche relevant sein können aber in der Regel eher nicht erfragt werden (z.b. Pflegesituation vor Ort, etc).
Der Kritische Patient wird immer mit Schema übergeben und ja da gibts bereits einige und durchaus auch gute.

Nichtsdestotrotz: Immer gut wenn jemand versucht was zu verbessern. Sudern wie unnötig es is ist einfach…Selber mal besser machen ist die Devise.. ansonsten vielleicht bissl mehr Support innerhalb der Sanitäterschaft zeigen…

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Ich glaube da geht es eher um die Frage der Sinnhaftigkeit. Wozu etwas erlernen, wenn es im KH nicht angenommen wird? Welches KH, interessiert sich realistisch wirklich dafür was das RD Personal bei der Übergabe sagt? Ich habe in meiner Zeit im RD schon viele KHs kennengelernt und meine These wurde leider bis jetzt noch nicht widerlegt. Es wurde schon gesagt, aber wenn nach spätestens dem 3. Satz keiner mehr zuhört ist ein Schema nett, aber einfach sinnlos. Man kann gerne über das Schema diskutieren, wenn einem wer bei der Übergabe auch zuhört.

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Is halt zu einem gewissen Teil sicher auch ein Henne/Ei Problem oder?
Wenn ich Kollegen teilweise zuhöre was und wie da übergeben wird wundert es mich nicht, dass jemand im KH mit der Zeit das Interesse dran verliert wirklich zuzuhören.

Je eher wir es schaffen, dass jeder Sani quasi gleich und sinnvoll übergibt desto höher is die Chance dass man uns auch wieder besser zuhört denk ich.

Edit: Unabhängig davon ob jetzt DELIVER der große neue Wurf ist oder nicht :wink:

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Mag sehr gut so sein, dennoch ist es die Aufgabe des KH Personals in der Triage einem zuzuhören. Im Sinne des Patienten müssen sie, auch wenn die letzten X Übergaben schon Müll waren, einfach zuhören. Wenn das eintritt, dann kann man so ein Schema eher durchsetzen. Ansonsten bleibt die Demotivation hoch und der Sinn eher sinnlos.

Mein Punkt: Man kann etwas nicht durchsetzen wenn es nicht angenommen wird, unabhängig davon wie gut das Konzept sein mag. Das gilt auch für DELIVER.

Da verwechselst du was… etwas besser machen was man persönlich für sinnlos hält, widerspricht sich. Und ob das der Sanitäterschaft gut tut, dass man das gefühlt hundertste Akronym entwirft, wage ich auch zu bezweifeln.

Ich finde dein Posting durchaus gelungen und viel Wahres dran. Aber besonders diese Fragestellung find ich extrem spannend, weil ich meine Kenntnis und Verwendung von Merkhilfen nie so aktiv reflektiert habe und dazu regt sie an. Ich werd jetzt nicht aufzählen, welche ich wie viel verwende. Nur auf die konkrete Fragestellung: Ich, unter der Berücksichtigung, dass es bei mir halt ISBAR ist. Hab ich schon gemacht bevor es DELIVER gegeben hat und bin da ganz bei dir bzw. xkcd. ISBAR ist bereits verbreitet und etabliert und wird auch bei uns innerklinisch verwendet. Ich halt nicht viel davon, das sich gut drehende Rad neu zu erfinden.

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Sofern es kein vorgeschriebenes Übergabeschema gibt, ist es vermutlich etwas individuell was einem dabei hilft Struktur in die Übergabe zu bringen.

Nachdem es bei uns kein offizielles Übergabeschema gibt, und ich mich mit SINNHAFT und SBAR + Varianten nicht so recht anfreunden konnte, habe ich im letzten Dienst mal DELIVER als Schema für meine Übergaben ausprobiert.

Ich muss sagen, es hat (für mich persönlich) sehr gut funktioniert, und ich werde es, abgesehen von (gröberen) Traumata, bei denen ich ATMIST hilfreicher finde, beibehalten.