[size=150]Bagatell-Patienten werden zum Problem für Notaufnahmen[/size]
[size=85]von Kristina Bräutigam am 04.10.2015[/size]

[size=85]„Jeder fünfte Patient kommt mit Beschwerden, die eigentlich ein Fall für den Hausarzt wären“, sagt Dr. med. Klaus Weber, Leiter der Interdisziplinären Zentralen Notaufnahme am Klinikum Kassel. Fotos: Soremski[/size]
Kassel. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche hat die Interdisziplinäre Zentrale Notaufnahme am Kasseler Klinikum geöffnet. Eine Anlaufstelle gedacht für Notfallpatienten mit Schlagfall, Herzinfarkt oder Knochenbrüchen, die schnellstmöglich versorgt werden müssen. Doch die Realität sieht anders aus: Immer häufiger kommen Patienten mit Bagatell-Beschwerden in die Notaufnahme. „20 Prozent der 45.000 Patienten, die in diesem Jahr unsere Notaufnahme aufsuchen werden, haben Beschwerden, die bei einem Hausarzt behandelt werden können. Tendenz steigend“, erklärt Dr. med. Klaus Weber, Leiter der Interdisziplinären Zentralen Notaufnahme am Klinikum Kassel. Eine Zahl, die auch Oberarzt Dr. med. Albert Franke, Leiter der Zentralen Notaufnahme des Roten Kreuz Krankenhauses (RKH) Kassel bestätigt.
Viele Patienten uneinsichtig
Die Palette reicht von leichtem Schwindel, Husten, erhöhter Temperatur, Durchfall oder Hautflecken bis hin zu Rückenschmerzen oder Bauchschmerzen, die teilweise schon seit Monaten bestehen. „Insbesondere an den Wochenenden kommen sehr viele Patienten, die in der Woche keine Zeit oder Lust hatten, zum Hausarzt zu gehen“, so Dr. med. Klaus Weber. Meist handele es sich um jüngere Patienten, die den Notfalldienst ausnutzen, da sie entweder keinen festen Hausarzt haben oder ganz bewusst den Rundum-Service der Notaufnahme beanspruchen, um sich Überweisungen und monatelanges Warten auf einen Facharzttermin zu sparen. Weist das Klinikpersonal freundlich darauf hin, dass sie mit leichtem Fieber oder einer Verstauchung kein Fall für die Notaufnahme sind, reagieren viele Patienten mit Unverständnis, erzählt Dr. med Klaus Weber: „Viele dieser Patienten haben keinerlei Einsicht. Sie möchten gemäß dem Geist der Zeit ‘sofort’ versorgt werden. Zum Teil bekommen wir anschließend schriftliche Beschwerden“.

[size=85]Leicht erhöhte Temperatur oder der Fuß, der seit Wochen schmerzt: Immer mehr Menschen suchen mit leichten Beschwerden die Notaufnahme auf, statt zum niedergelassenen Arzt zu gehen. Foto: Soremski[/size]
Bis zu 18 Schwerstverletzte am Tag
Auch wenn dringende Notfälle immer Vorrang haben: Für das Personal und die echten Notfälle sind diese Bagatell-Patienten eine enorme Belastung: „Sie halten uns von der Versorgung Schwerstkranker und -verletzter ab“, appelliert der Mediziner. Im Durchschnitt kommen acht lebensbedrohlich erkrankte oder verletzte Patienten pro Tag in die Notaufnahme des Klinikums, darunter schwer Unfallverletzte; Patienten, die wiederbelebt wurden oder mit einem frischen Herzinfarkt oder Schlaganfall eingeliefert werden. An Spitzentagen sind es bis zu 18. Die Versorgung dieser Patienten erfolgt in sogenannten Schockraum-Teams, da ein einzelner Arzt diese vielfach komplizierten Herausforderungen nicht bewältigen könnte. „Bei diesen Patienten zählt jede Minute“, sagt Dr. med. Klaus Weber.
Hinzu kommt: Die Bagatell-Patienten sorgen dafür, dass die ohnehin schon stark unterfinanzierte Notfallbehandlung in den Krankenhäusern immer mehr leidet. Durchschnittlich schlägt jeder ambulante Patient mit 88 Euro Minus zu Buche. Trotzdem betont Dr. med. Klaus Weber: „Wer Sorge hat, an einer ernsthaften oder anderweitig akut behandlungsbedürftigen Erkrankung zu leiden, soll sich natürlich jederzeit an die Notaufnahme wenden“. Für Schnupfnasen und andere Wehwehchen aber gilt: Ruhe halten und am nächsten Tag zum Hausarzt.
[i]+++ EXTRA INFO +++
Patienten mit Rezeptwünschen und akuten, aber nicht bedrohlichen Beschwerden können sich außerhalb der üblichen Öffnungszeiten von Arztpraxen an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst Kassel, Wilhelmshöher Allee 67, wenden. Tel.: 0561-19292. Die bundesweit zentrale Rufnummer ist die 116117.
+++ Zwischenruf: Einfach nur egoistisch! +++
Jeder fünfte Patient , der die Notaufnahme des Kasseler Klinikums aufsucht, ist dort fehl am Platz! Ein Trend, den Krankenhäuser in ganz Deutschland feststellen – und der mich fassungslos macht. Wer mit einem Schnupfen oder seit Monaten unbehandelten Rückenschmerzen die ohnehin chronisch überfüllten Notaufnahmen aufsucht, handelt egoistisch und verantwortungslos. Die Ambulanz ist gedacht für Schwerstverletzte, für Menschen mit Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall. Hier geht es um Minuten, die Leben retten. Den Bagatell-Patienten ist das offenbar egal. Für sie ist die Notaufnahme ein bequemer „24-Stunde-Rundum-Service“. Warum unter der Woche zum Hausarzt gehen, monatelang auf einen Facharzttermin warten, wenn in der Notaufnahme ein ganzes Team aus Ärzten rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche bereit steht? Einsicht oder gar Verständnis? Fehlanzeige. Bleibt zu hoffen, dass diese Notaufnahme-Touristen oder ihre Angehörigen nicht irgendwann selbst als echter Notfall in die Notaufnahme kommen. Vielleicht müssen sie dann warten – weil ein sehr ernster Schnupfen vor ihnen behandelt werden will[/i].