B1 Intern (mit Twist)

Liebe Forumsgemeinde,
mit diesem interaktiven Fallbeispiel möchte ich euch gerne aus gegebenem Anlass in ein grünes südöstliches Bundesland entführen.

Ihr seit ein RTW am Land, Entfernung zum nächsten Krankenhaus mit Notarztmittel 25 Minuten, kein Flugwetter, Uhrzeit 20:00. Der RTW ist nach gängiger Mindestausstattungsrichtlinie besetzt, sowohl personell als auch materiell.

Da der eigentliche RTW, besetzt mit einem NKV, gerade einen nicht zeitkritischen Krankentransport durchführt (gehender Patient, Einweisung durch Hausarzt), habt ihr gerade den zweiten RTW der Ortstelle nachbesetzt und seid nun auf dem Weg zum Einsatz “B1 Intern, Atemnot” (mit BD, ohne Notarzt).

Beim Eintreffen am Einsatzort (20 Minuten nach Anruf, Bauernhaus, Patient mit Gattin als Notruferin alleine) findet ihr einen Patienten mit ca 75 Jahren vor, der im ersten Eindruck zyanotisch wirkt und auf eure Begrüßung nicht antwortet.

Was sind eure ersten Schritte, wie geht ihr vor?

SSS

O2 via Maske sofort- zügig ABCDE dann 10 for 10 je nach Ergebnis.

Guedl, Wendl, absaugbereitschaft, Zugang, antizipieren und nachfordern ob Hilfe beim Abtransport benötigt wird.

Vitalparameter erheben, Bei Gattin sampler einholen,

Grundsätzlich interessiert mich die Einsatzstelle mal:

→ Sind irgendwelche auffälligen Gerüche wahrnehmbar?

→ War der Patient zum Beginn des Geschehens alleine? Alternativ, was er hat er davor gemacht?

→ Weist die Gattin ebenfalls Beschwerden wie Atemnot auf?

Darauffolgend weitere Ressourcen hinzuziehen bzw. mobilisieren:

→ Frühzeitige Nachforderung zweites Rettungsmittel, vorzugsweise NEF. Ein Patient mit einer offensichtlichen Zyanose und einem verminderten GCS hat eindeutig ein gröberes Problem, was ich womöglich nicht alleine beheben kann.

In weiterer Folge:

Ich hab im Ersteindruck, wie oben schon sich klar herauskristallisiert haben sollte, einen potenziellen kritischen Notfallpatienten mit einem vermuteten B/D-Problem. Bedeutet für mich im Endeffekt ich schaue, dass ich meine Basismaßnahmen mache. Darunter zählt auch, die Lagerung und frühzeitig hochdosierte O2-Gabe per Maske mit 15L/Min. Weiters lasse ich mir sicherheitshalber die Beutelmaskenbeatmung vorbereiten.

In weiterer Folge gehe ich die möglichen Ursachen für die Atemnot im Rahmen des X-ABCDE-Schematas durch:

A → Atemwegsverlegung vorhanden? Falls Ja, kann ich bzw mein Partner diese beheben? Mögliche Schwellungen aufgrund von Infektionen?

B → Auffällige Atemgeräusche? (Brodeln, Rasseln,…) Atemtiefe vermindert bzw. wie sieht die AF aus?

C → Puls tastbar, rhythmisch oder arhythmisch? Schnell oder langsam ? ReCap verlängert? (Schock?) Hautzustand?

Traumacheck → Hinweise auf Verletzungen, sein es auch ältere?

D → GCS mit Tabelle erheben, FAST+ Schema inkl. APSS Pupillen ganz wichtig sowie Blutzucker

E → Weiterführende, orientierte Körperliche Untersuchung: Ödeme in den Extremitäten? Hautausschläge ? Kann der Kopf normal bewegt werden? Hinweise auf Infektionen? Usw.

NEWS2-SCORE und WELLS ebenfalls erheben

Vitalparameter? Falls vorhanden : EKG?

SAMPLER/OPQRST → sowohl Eigenanmnese, wie auch zuverlässige Fremdanamnese sofern möglich.

Gängigsten Differenzdiagnosen bei Atemnot im Kopf kurz durchgehen:

→ Infektionserkrankungen wie Pneumonie, Bronchitis, Influenza,..?

→ Herzrhythmusstörungen, Allergien, PE, ACS, IAP,…?

→ Intoxikationen? Metabolische Entgleisungen?

→ Bei den Chamäleons würde ich zusätzlich noch die Sepsis und das Aortaaneurysma zwingend mit reinnehmen

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Danke für eure beiden Antworten, kurz zusammengefasst:

SSS: keine Gefahren ersichtlich, Bauernhaus, eine Ersthelferin präsent
AVPU: Schmerz
A: Kein Erbrochenes/kein Bolusgeschehen ersichtlich.
B: inspriatorischer Stridor, schnelle, flache Atmung.
C: rythmischer, schneller Puls, ReCap > 5s (Stirn). Hautzustand blass, zyanotisch, kalt-schweißig.
keine Verletzungen offensichtlich
D: GCS 9, BZ 125, Pupillen lichtreagibel + Größe normal, kein Meningismus, APSS nicht erhebbar
E: Urtikaria am ganzen Körper ersichtlich

Vitalparameter: RR 80/40, O2 85%, Puls 120, AF 25, EKG nicht vorhanden.

Maßnahmen: hochdosierte O2-Gabe, NEF-Alarmierung, Basismaßnahmen.

Fremdanamnese: Patient hat soeben gegessen, danach plötzlich Atemnot, Zustandsverschlechterung. Allergie auf Nüsse vorbekannt, “noch nie was passiert”. Medikamentenliste wird gesucht, vergleichbares bis jetzt noch nie passiert. Vorkerkrankungen art. Hypertonus, KHK.

WELLS 1.5, NEWS2 16

Nach gängiger Besetzung seid ihr RS, also dürft ihr nur Maßnahmen durchführen, die auch dem RS erlaubt sind.

Der Patient hat für mich bis zum Beweis des Gegenteils eine lebensbedrohliche Anaphylaxie und braucht daher dringend Adrenalin i.m., Adrenalin inhalativ und in weiterer Folge Antihistaminika und Glucokortikoide.

Mit NFS vor Ort ist das Problem mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell und einfach lösbar, mit RS vor Ort ist es nicht unwahrscheinlich, dass dieser Patient jetzt sterben wird. (Sorry, das klingt jetzt hart und ist kein Vorwurf an RS, sondern ans System, und beschreibt den Sachverhalt.)

Insofern, wenn ich RS bin und die Anaphylaxie erkenne (was ich nicht können muss) und die Behandlung kenne (was ich auch nicht wissen muss), ist das Beste für den Patienten wohl so rasch wie möglich zu jemandem fahren, der ihm Adrenalin geben kann.

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Epipen zu Hause? Falls ja, sofort geben (lassen)

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Wir haben die Lösung! Danke fürs Mitmachen (und das äußerst genaue Assessement von @Fabixx20), das Fallbeispiel kam aus meiner RS-Zeit und ist eine Zusammensetzung (und damit eine Zuspitzung) aus zwei Einsätzen, die ich so ähnlich erlebt habe. Einmal überlebte der Patient aufgrund der schnellen Ereichbarkeit eines Arztes (Hausarzt, 1x i.m. Gabe 0.5 mg Epinephrin, 250mg Prednisolon, Histakut, 500ml VEL), einmal dauerte es tatsächlich 20 Minuten, aber das Beschwerdebild war weniger dramatisch.

Nun zu dem, was eigentlich der Twist des Fallbeispiels ist: Ihr seid in einer verantwortlichen Position für den Rettungsdienst des Landes, nach welcher Metrik lässt ihr eine externe Firma das Mischsystem der Steiermark analysieren?
A) Gesamtkostenvergleich
B) Versorgungsqualität

Tut mir Leid für die witzlose Auflösung, aber da sprach der Frust der Prioritäten der Komission aus mich.

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So lange das Rettungssystem ein politisches ist, wird immer politisch entschieden werden. Und da haben wir in Österreich eben ein gewachsenes und verfilztes System von einigen wenigen großen bis sehr großen Organisationen, welche vieles mit dem Hintergund, dass es dem eigenen Unternehmen / Verein zum Vorteil reichen sollte beeinflussen.

Wenn die Landesregierung das Rettungssystem evaluieren möchte, dann sollte es tunlichst nicht die aktuellen System- und Finanzierungspartner welche ein Interesse an der Beibehaltung des Status Quo haben befragen, sondern diese Evaluierung von Externen Beratern durchführen lassen. Sonst ist das Papier nichts wert.

Erst wenn sich die Politik darauf zurückzieht reine Rahmenbedingungen zu schaffen und damit einen Markt schafft, in welchem die Beste Versorgung und nicht die Beste politische Vernetzung gewinnt, kann auch entsprechende Qualität zum Patienten geliefert werden.

Die Frage, welche man sich stellen müsste sollte immer sein: Nützt es dem Patienten. Denn am Ende geht es nur um das Outcome des Patienten und nie um Partikularinteressen von Verbänden oder Vereinen.

Wo ist das Rettungssystem politisch? Ja es sind Vereine (bzw. formaljuristische Unternehmenskonstruke um diese Vereine). Diese haben in der Regel auch irgendwelche Naheverhältnisse zu irgendwen, ja. Wirklich POLITISCH wird es nur, wenn der Rettungsdienst direkt in den Händen einer Kommune ist. Das ist bekanntlich (defacto) in nur einer Stadt der Fall und es ist einer der angesehensten Rettungsdienste in Österreich.

Nun jedes Unternehmen und jeder Verein hat (in der Regel) einen Selbsterhaltungstrieb und ist auch rechtlich verpflichtet anständig zu wirtschaften.

Jede Organisation wird dir das bieten, was du zahlst. Wenn jemand zu dir kommt und sagt er will einen Tesla, dann kannst du ihm ein Angebot für einen Tesla machen. Wenn er sagt er zahlt aber nur einen alten zwangsversteigerten roten Opel Astra, dann wird auch mit gesponserten Tesla-Kompletträdern kein Tesla daraus.

Das der freie Markt die Qualität im RD verbessert ist Wunschdenken. Zwei Beispiele für hervorragende Rettungsdienste sind bspw. rein staatlich: Ungarn (OMSZ), Großbritannien (NHS)

Letzten Endes kommt es drauf an, was der Auftrag ist und ob gemäß des Auftrages die finanziellen Mittel gestellt werden. Diesen Auftrag haben die dafür zuständigen Institutionen zu erteilen.

Um es nochmal auf den Punkt zu bringen: Man kann nur das machen was auch finanziert wird. Egal ob als Verein, Unternehmen, oder staatliche Institution.

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Made my day. Danke :joy:

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Das ist so nicht Richtig. - Siehe Feuerwehr Admont.

Es bestehen in vielen Bundesländern sehr enge Naheverhältnisse zur Landespolitik. - Auch zeigt das jüngste Beispiel in der Steiermark, dass dieses Naheverhältnis teilweise so eng ist, dass bei einer Prüfung des Rettungswesens die zu Prüfenden unter anderen als Experten eingeladen werden und deren Stellungnahme beinahe wortgleich übernommen wird.

Ein anderes Beispiel wäre das sehr enge Naheverhältnis des verstorbenen RK Präsidenten Aichinger (er war Landesrat für Gesundheit ÖVP) zur Landes-ÖVP.

Rettung ist höchst politisch. Und vielfach ist es nicht im Interesse der Vereine, als auch der Politik etwas zu ändern. Die Gründe sind allseits bekannt.

Das ist im Falle Wien in der Tat eines der größten Probleme dieser mMn medizinisch sehr relevanten Institution.

Und, wie könnte es auch anders sein, hast du es bemerkenswerter weise wieder geschafft den Bogen zum RK, zufälligerweise aus OÖ, zu spannen. Du musst dir das echt dringend anschauen lassen, das kann nicht gut sein, wenn dich das so triggert.

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Natürlich sind es korrekterweise drei:

  • MA70 Berufsrettung Wien
  • Feuerwehr und Rettung Admont
  • First Responder Fischamend

Hatte einen Grund warum ich “defacto” in Klammer gesetzt habe. Ohne die Kolleg*innen in Admont oder Fischamend in der Bedeutung ihrer Arbeit kleinreden zu wollen, mal ehrlich - die Gesamtbedeutung im österreichischen Rettungswesen ist eben halt nunmal vernachlässigbar.

Was jetzt den Rettungsdienst nicht unbedingt von anderen Zweigen wie bspw. sozialen Wohnbau, Pflegeeinrichtungen, sozialen Einrichtungen (Jugendarbeit, Sozialarbeit, Altenpflege, Armutsbekämpfung, etc.) unterscheidet.

Sind halt alles eigentlich staatliche Aufgaben die der Staat an private Organisationen abgetreten hat - letzten Endes direkt oder indirekt einen guten Teil der Kosten trägt. Das kann man gut heißen oder nicht… - Einige mit tiefsozialistischem Hintergrund mögen die Position vertreten der Staat solle alles selbst machen. Einige mit tiefneoliberalem Hintergrund mögen die Position vertreten die Organisationen mögen dies selbst und ohne staatliche Förderung machen (Spenden, Sponsoring, etc.). Ich glaube persönlich, dieser Mittelweg ist gar kein so schlechter… - aber bitte.

Aha. Komisch das man trotzdem landesweit an der Spitze des österreichischen Rettungswesens ist und auch international Anerkennung erhält.

Achso, ich vergaß, man war an einem weiteren privaten Player im Rettungsdienst in Wien nicht interessiert. Der hätte alles besser gemacht als alle anderen zusammen. Vor allem Fotos von MA70 Equipment und Fahrzeugen hinter dem eigenen Logo+Uniform. Das macht natürlich alles schlecht.

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Weltklasse! Chapeau!

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Man kann da sicher noch die ACN dazunehmen, je nach Sichtweise :wink: