Interessanter Fall

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Interessanter Fall

Beitragvon Menico » Do 16. Jan 2020, 13:07

Hallo zusammen,

ich hatte vor wenigen Wochen einen Fall mit interessantem bzw. seltenem Ergebnis.

Alarmierung. 00:25 "r8rtw - m33j, Atemprobleme" (r8rtw = Rtw ohne SoSi). EO ca. 3 Minuten entfernt.
Besatzung RTW: 1 NKV, 1 RS, 1 RS in Ausbildung

Bei eintreffen des RTW wartet der Bruder des Pat. in der Einfahrt und führt uns zur Wohnung. Er erzählt uns, dass sein Bruder seit einigen Tagen schon krank sei mit Fieber bzw. erhöhter Temperatur. In der letzten Stunde habe sich sein Zustand extrem schnell verschlechtert. Außerdem habe er den Tag über über Muskelschmerzen geklagt.

Vorerkrankungen: keine
Medikation: keine Regelmedikation, die letzten Tage etwas Mexavit

In der Wohnung werden wir ins Schlafzimmer geführt wo der Pat. voll bekleidet (inkl. Jacke) am Fußende des Bettes sitzt. Er wird von seinem anderen Bruder gestützt und atmet "eigenartig". Pat. sieht auf den ersten Blick sehr krank aus. Da der Pat. nicht auf Ansprache reagiert und nur unverständliche Laute von sich gibt, wird er in Rückenlage gebracht um einen Notfallcheck zu machen. Dabei fällt eine starke Zyanose im Gesicht auf. Atmung ist vorhanden, sehr tief und zu schnell. Puls ist regelmäßig, stark und peripher gut tastbar. SpO2 liegt bei 56%. Der Patient wird als kritisch eingestuft und ein NEF wird nachbeordert.

Während ein Sani versucht der RR zu messen und der zweite das restliche Monitoring und den Sauerstoff anbringt wird der Pat. vom dritten Sani entkleidet. Beim entfernen der Kleidung fallen Petechien am gesamten Oberkörper auf. -> Verdachtsdiagnose Sepsis

Werte zu diesem Zeitpunkt
RR: 100/80
HF: 80 (langsamer werdend)
SpO2: steigt zögerlich
Temperatur: 36,8°C
Zucker: 90 mg/dl
EKG: Sinusrhythmus

Der Patient erbricht. Die Atmung wird flacher. Pat. wird mittels Güdeltubus und Maske / Beutel assistiert beatmet. Beim einführen des Güdeltubus fällt auf, dass die Kiefermuskulatur enorm angespannt ist und ein öffnen des Mundes kaum möglich ist. Patient hört schließlich auf selbst zu atmen.

Sani2 tastet nun auch keinen Puls mehr. EKG jedoch unverändert ein Sinusrhythmus. Es wird mit Reanimationsmaßnahmen begonnen und die Leitstelle informiert. Einführen des Larynxtubus beim ersten Versuch nur sehr schwer möglich da der Mund des Pat. nicht offen zu bekommen ist. Tubus nicht dicht. Zweiter Versuch ebenfalls nicht erfolgreich.

Nach zwei Minuten Reanimation, Analyse. Kein Schock empfohlen. EKG zeigt agonalen Rhythmus.
-> eintreffen NEF, Pat. wird übergeben
Besatzung NEF: 1 NA, 1 NKV, 1 DGKP (Intensiv)

NA versucht zu intubieren (zuerst ohne Medikation) bekommt jedoch nicht mal das Laryngoskop eingeführt während NEF Fahrer Medis aufzieht und der DGKP einen Zugang sticht. Es werden 50mg Esmeron gegeben (keine Wirkung). Außerdem 1mg Adrenalin. Pat. bekommt nach etwa 3 Minuten ROSC. Wir entscheiden uns für einen schnellstmöglichen Transport in den Schockraum.

Im RTW nochmal kurz Kreislaufstillstand für 2-3 Minuten. Pat. wird im Schockraum mit Kreislauf übergeben.

Im Schockraum wird nochmal versucht den Pat. zu intubieren. Erster Versuch schlägt wiederum fehl. Weitere 100mg Esmeron werden gegeben (wieder keine Wirkung). Zusätzlich noch 1mg Atropin weil der Pat. bradykard wird. Beim nächsten Versuch wird mittels Führungsstab und Videolaryngoskop ein Woodbridge Tubus erfolgreich platziert.
EtCO2: 30mmHg

Weiterer Verlauf:
Pat. stirbt wenige Stunden später. Diagnose unklar. Spekulationen reichen von Meningokokkensepsis bis Tetanus.

Ergebnis Autopsie:
Pat. hatte eine beidseitige hämorrhagische Pneumonie, eine Superinfektion (für die Mannschaft ungefährlich) und starb aufgrund der resultierenden Sepsis, die verkrampften Muskeln erklärte uns die Pathologin als "Cadaveric Spasm"

Detail am Rande: Die Frau des Pat. hat gegen 18:00 bereits einmal bei 1450 angerufen und wurde dort an den Hausarzt am nächsten Tag verwiesen.
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Beitragvon alexxd_12 » Do 16. Jan 2020, 17:52

Wiki zu Caderveric Spasm

Cadaveric spasm, also known as postmortem spasm, instantaneous rigor, cataleptic rigidity, or instantaneous rigidity, is a rare form of muscular stiffening that occurs at the moment of death and persists into the period of rigor mortis. Cadaveric spasm can be distinguished from rigor mortis as the former is a stronger stiffening of the muscles that cannot be easily undone, as rigor mortis can.

The cause is unknown but is usually associated with violent deaths under extremely physical circumstances with intense emotion.


Quasi ein Krampf der während des Todes eintritt und sich erst nach der Leichenstarre löst.

Hört sich nach einem sehr Intensiven Einsatz an.
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Beitragvon ihoeppner » Mi 4. Mär 2020, 03:40

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